Abgründe und Landungen

Manchmal springst du, weil du all deinen Mut zusammennimmst und landest unsanft. Da der Abgrund, in den du gesprungen bist, im Dunkel lag, sahst du nicht die scharfkantigen Felsen und das Dornengestrüpp, das dich zerkratzt. Dennoch musst du zugeben, dass genau dieses dich vor dem Aufprall schützte, der gefährlich gewesen wäre: du hättest dir sämtliche Knochen brechen können, so hast du lediglich eine Million Kratzer, und sogar diese „Million“ ist eine schiere Übertreibung.

Faktum ist, du hast mehr Glück als Verstand gehabt, du bist mit heiler Haut, naja, mit aufgeschürfter Haut davon gekommen. Danke also Fortuna und jammere nicht, das Leben sei unfair, wo du selbst das Risiko eingegangen bist. Und freue dich ob deines Vertrauens dem Leben gegenüber. Du bist eine Erfahrung reicher. Du weißt, wie wunderbar ein Körper ist, der springen und landen kann, du hast, du bist ein Leib, getragen von einer mutigen Seele. Nicht mutig, weil du gesprungen bist, sondern mutig, weil du nun um das Risiko eines Sprungs weißt und auch, dass du wieder springen wirst, voller Vertrauen.

Du springst nicht gedankenlos, auch nicht, um irgendjemanden irgendetwas zu beweisen, sondern weil manchmal der Sprung das einzige ist, was dich weiter bringt. Du müsstest andernfalls am Abgrund verharren. Oder du könntest umkehren, aber aus irgendeinem Grund ist dir das verwehrt. Du kannst nur mehr älter werden, nicht mehr zu deiner Geburt zurück. Nein, das kannst du nicht, warum solltest du auch.

Du könntest ein Seil nehmen und den Abgrund hinunter klettern, auch das ist möglich. Es bleibt dennoch ein Sprung, du musst da runter. Nun, da du um das Risiko weißt, wirst du es nicht unnötig eingehen. Das Leben ist zu wertvoll um sinnlos aufs Spiel gesetzt zu werden. Wie gesagt, beizeiten glaubt man, man müsse springen, wo nur ein Schritt zu setzen sei. Manchmal mutet ein einzelner Schritt wie ein riesiger Sprung an. Manchmal bedeutet ein Sprung nur einen winziger Fortschritt.

Das Leben ist einfach das Leben, nicht mehr und nicht weniger. Was immer du tust oder auch nicht tust, es wird nicht wertvoller, weil du es aufs Spiel setzt. Es wird wertvoller im Erkennen der einfachen Tatsache, dass jeder Moment Ausdruck einer ganz individuellen Erfahrung ist: nicht wiederholbar, nicht umkehrbar, einzigartig, wunderbar, ein Wunder.

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