Ein Brief, ein Ruf.

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Liebe Autorin meines Selbst,

du weißt, wer ich bin, nach dir ruft. Du hast mich zuerst gerufen. Ich kam.

Und dann … hast du mich beiseitegeschoben, zugunsten anderer Dinge, die deinen Geist zerstreuten. Du folgtest … einer anderen Weisung, du weißt schon, welcher.

Ich frage dich: wie lange stehst du das noch durch, Liebes?

Und auch: wozu?

Oh, du glaubst, du seist untreu? Verräterin? Wem? Und wessen?

Deinem Selbst misstraust du, würgst es ab, schattenhaften Geistern gehorchst du. Sie sind tot, denen du die Stange zu halten glaubst, denen du unverbrüchliche Liebe schworst als Kind, unwissend, wie du damals warst, unschuldig und offen wie ein Buch, das erst geschrieben werden musste. Du nahmst den Stift zur Hand, in jenen Tagen, und jedes leere Blatt Papier war dein Freund, dein Verbündeter, dein Seelentaucher. 

Jedes deiner Worte die Sprosse einer Leiter, die nicht zum Mond, sondern zu dir selbst hinführte. Über Umwege, es waren Chiffren, die du benutztest, um zu rufen, die zu deuten waren, damit sie zu keinen Speerspitzen wurden, Anklägern in einem Gerichtsaal, in dem ignorante Schöffen Urteile zu fällen sich getrauten, zu denen sie im Grunde gar nicht fähig sein konnten, weil sie nicht einmal annähernd alle Fakten kannten … ging es dir doch nur um: Transformation. Von Hass zu: Liebe (auch wenn du das damals noch nicht wusstest, du folgtest einem inneren Drang, der dich hieß: lebe!).

Du glaubst, du hättest kein Konzept? Liebes, das Konzept hat DICH. Du brauchst nur zu folgen. Setz‘ dich an den Tisch, nimm den Stift zur Hand, den virtuellen, und beginne den Tanz deiner Seele, folge dem Faden, dem vielfältig gewundenen, bunten, ins Labyrinth und fürchte dich nicht vor seinen Irrwegen. Es kann dir nichts, wirklich nichts passieren, außer dass du dich selbst gebierst.

Was du nicht erinnerst, erfinde. Mach es bunter! Vielfältiger. Gestalte. Werde deine eigene Heldin, die auf Pilgerschaft geht, ein weiblicher Odysseus, wenn du willst. Oder sei Penelope, die, des langen Wartens müde, das Schiffchen des Webstuhls in die Ecke schmeißt (ja: schmeißt!) und sich aufmacht, ihren Liebsten selbst zu finden. Triff ihn auf halbem Wege und lass nichts anbrennen, so wie er. Dann seid ihr wahre Partner.

Oder was. Auch. Immer.

Ich werde nicht verstummen, nicht mehr. Ich werde rufen, heulen und kreischen wie Sirenen. Ich werde auf deiner Nase tanzen, un-auf-hör-lich! Ich werde dir bunte, schrille Bilder vorgaukeln, sie beharrlich heraufbeschwören. Und wenn du wegschaust, mich verdrängst, bringe ich dich um den Verstand. Denn wisse: ich bin du. Schiebst du mich zur Seite, tötest du dich langsam selbst, du weißt, ich habe recht. Ich, Geliebte, bin deine Rettung, denn ich singe von … oh, du weißt: von Heilung.

Also, schreib um dein Leben. Du hast nur das eine. Verwirf es nicht. Und ich, ich, deine Figur, will leben!

Immer dein,

Selbst.

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. wildgans sagt:

    Sich selbst gebären, herausfinden, wie man eigentlich „gedacht“ war, angelegt war, von wem auch immer…sein eigenes Leben in die Hand nehmen, genau, das ist es! Unbedingt. Was für eine Freude es sein kann!

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja :o) …. so ist es … und immer wieder nimmt alles völlig überraschende Wendungen … du wirst das ganze lange kurze Leben lang …

      Gefällt 3 Personen

  2. Graugans sagt:

    UNBEDINGT!!!

    Gefällt 1 Person

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